Podersam, eine kleine Stadt im Saazerland...
Meine Familie wohnte in Podersam, eine kleine Stadt im Saazerland.
Dieses Gebiet war durch den guten Boden und das gemäßigte Klima für seine Agrarprodukte, besonders für den Hopfenanbau ausgezeichnet. Dieser Hopfen erlangte mit dem Pilsener Bier Weltruf. Die Hopfenbauern, zu denen auch meine Großeltern gehörten, zählten damals zur besser situierten Schicht. Meine Mutter war das einzige Kind meiner Großeltern Felber. Sie hatten zwei ertragreiche Landwirtschaften.Mein Großvater lebte aber zur Zeit der Vertreibung nicht mehr. Mein Vater hatte in Podersam eine Anwaltskanzlei. Doch als 1939 der Krieg ausbrach, wurde er von der deutschen Wehrmacht einberufen. 1945 verliesen wir Podersam, das immer mehr von englischen Tieffliegern angegriffen und beschossen wurde.
Wir zogen nach Groß Witschitz, etwa 10 km von Podersam entfernt, aufs Land zur Großmutter. Dort lebte es sich sicherer und zu Essen gab es auch genug.
Kurz vor Kriegsende konnte auch mein Vater vom Krieg auf Heimaturlaub zurückkehren. Und das war unser Glück !!!
...April 1945
Zuerst stießen die Westmächte bis nach Prag vor.
Meine Eltern und ihre Landsleute verfolgten diese Entwicklung mit Freude, da sie diesen schrecklichen Krieg hoffnungslos verloren wußten und sich das Ende herbei sehnten.
Aber von Osten her drang die Rote Armee vor. Aufgrund eines Abkommens der Siegermächte zogen sich die Westmächte aus den Ostgebieten zurück und überließen dieses Gebiet der Sowjetischen Armee. Für uns war das eine bittere Enttäuschung ! Der Einmarsch der russischen Armee erfolgte auch in unserem kleinen Dorf Groß Witschitz.
Eines Tages wurde unser Hof von etwa 60 russischen Soldaten belagert. Am Abend bereiteten sie ihr Mahl zu. Das lief folgendermaßen ab: Alle Hühner am Hof meiner Großmutter wurden geschlachtet, gerupft und gekocht, dann organisierten sie im Ort mehrere hundert Eier, die sie dann in einem großen Gefäß zu Rühreiern brieten,sie holten Milch und noch vieles mehr.....Dann begann das große Fressen...., man kannte weder Teller,noch Besteck,sie aßen mit ihren Händen.
Ich war heimlicher Zuschauer und betrachtete das Gelage von einem Nebenraum aus.
Mein Vater mußte an diesem Abend mitmachen. Er tat es auch, um zu überleben. Meine Mutter und meine Schwester Inge waren im Taubenboden (unter dem Dach), in einem sicheren Versteck.
Die Russen tranken während des Essens Milch, dann verschlangen sie eingelegte Essiggurken. Uns hätte es dabei den Magen verdreht! Sie waren aber sichtlich heiter und sangen immer wieder Lieder. Nach dem Essen folgte der Wodka. Davon hatten sie massenweise dabei. Mein Vater war bald stockbesoffen - ungewollt, versteht sich. Es ging die ganze Nacht sehr laut zu und ich wurde immer wieder aus dem Schlaf gerissen.
Am nächsten Tag zogen sie ab. Sie hinterließen eine Wüstenei....