21 Juni 1945...die Ausweisung !
Es war am 21. Juni 1945, ein sonniger warmer Donnerstag.
Am Vormittag noch schickten mich meine Eltern nach Spargel für den Mittagstisch nach Deutsch-Trebetitsch, in einen benachbarten Ort. Als ich wieder zurückkam, erfuhr ich die schlimme Nachricht, daß wir innerhalb weniger Stunden Haus und Hof verlassen müssen. Drei tschechische Funktionäre händigten uns ein Ausweisungspapier aus. Aus dem ging hervor, daß wir uns um 17 Uhr in einer Aufnahmestelle in Willomitz, etwa 5 km von unserem Ort entfernt, zu melden hatten. Die Tschechen klärten uns über die Ausweisung auf und stürzten die Familien in Verzweiflung, indem sie sagten: Die Familien werden auseinander gerissen. Die Männer kommen in ein Bergwerk nach Sibirien, die Frauen in ein russisches Arbeitslager und die Kinder in ein russisches Ghetto.
Vor unserem Abschied beluden wir einen Handleiterwagen mit dem notwendigsten Kleider- und Essensvorräten für eine sechsköpfige Familie, nämlich für meine Eltern, meine Schestern im Alter von 14 und 3 Jahren, meine 65 -jährige Großmutter und für mich. Unser Knecht Iwan, der aus der Ukraine stammte und seit einigen Jahren bei uns auf dem Hof arbeitete, fuhr uns mit dem Pferdefuhrwerk nach Willomitz, wo wir uns einzufinden hatten.
Auf der Fahrt kamen wir in ein heftiges Gewitter mit Blitz, Donner und Regen. Mein Vater ließ sich zu einem Satz hinreißen, den ich nie vergessen werde: "Wenn nur der Blitz in uns einschlagen könnte, dann hätte das ganze Leid ein Ende ! Dies drückte die ganze Niedergeschlagenheit aus. Später erfuhren wir, daß Iwan auf der Heimfahrt von Tschechen zu Tode geschlagen wurde, weil er einer deutschen Familie Hilfe leistete.
In der Sammelstelle in Willomitz wurden wir in einen kleinen Raum hinein gepfercht, in dem bereits schon mehrere Familien aus der Nachbarschaft untergebracht waren. meine Eltern kannten einige Familien, meist aus größeren Gutshöfen. Wir verbrachten dort eine Nacht. Am nächsten Tag ging es weiter mit unbekanntem Ziel.
Nach einigen Kilometern Wanderung führte man uns in eine große Sammelunterkunft. Dort ging es barbarisch zu! Hunderte Menschen in einem Saal und immer wieder kamen neue Familien hinzu. Ich kann mich noch erinnern, wie Menschen, vorwiegend Männer geschlagen und gefoltert, vermutlich von einem Verhör kommend, zu ihren Familienmitgliedern zurück kehrten. Auch Frauen wurden mißhandelt, vermutlich auch vergewaltigt.
Uns haben diese grausigen Anblicke stark mitgenommen.
N
ach etwa 3 Tagen wurden wir in größeren Gruppen abtransportiert. Unsere Gruppe bestand aus ca. 80 Personen. Jetzt befürchteten wir das Allerschlimmste! Wir dachten, jetzt wird das vollzogen, was uns die drei Tschechen sagten. Wir wurden von mehreren tschechischen Funktionären durch das Erzgebirge in Richtung Sachsen zu Fuß geführt. Welche zeit das in Anspruch genommen hat, kann ich nicht mehr wiedergeben. Aber es waren 70 km Fußmarsch. Als wir uns der sächsischen Grenze näherten,- es war in einem Waldstück, stellten wir mit Erstaunen fest, daß die tschechischen Führer verschwunden waren. Wir konnten es gar nicht glauben! In uns kam ein unsagbares Gefühl der Erleichterung auf.
Wir glaubten alle an ein Wunder, gesandt von unserem Herrgott.

Der lange Marsch

Unter unserer Gruppe befanden sich Lehrer, Apotheker, Pfarrer, Ärzte, Anwälte und begüterte Landwirte. Also, alles Akademiker und Gutsbesitzer. Dem Personenkreis war dann bewusst, dass der erste Schritt der Vertreibung denjenigen galt, die zur Führungsschicht im Lande gehörte. Unser Treck marschierte, gerade auf sächsischem Boden  angekommen, in Richtung Annaberg. Weil wir immer noch glaubten, es könnten uns Tschechen  verfolgen, wählten wir meist Wald- und Feldwege. Diese waren allerdings schlecht passierbar. Nur langsam kamen wir vorwärts. Die Nächte verbrachten wir häufig in Wäldern, aber auch in Kirchen und auf Bahnhöfen. Bald gingen unsere Essensvorräte zu Ende. Wir lebten vom Betteln und vom „Organisieren“.
Doch satt essen, konnte sich niemand. Unsere Eltern gaben uns Kindern ihr letztes Brotstück zu essen. Das zehrt den Menschen aus! Wir hatten bald starkes Untergewicht. Trotzdem mussten wir weiter und unseren Wagen auf unwegsamen Pfaden voran bringen. Viele in unserem Treck glaubten, dass es bald wieder ein Zurück geben könnte, weil vielleicht die Amerikaner die Russen umstimmen könnten. Deshalb blieb etwa die Hälfte aus unserer Vertriebenengruppe in der Umgebung von Annaberg zurück. Der andere Teil, zu denen auch wir gehörten, strebten Bayern an.

Hohe Strapazen begannen

Der Weg führte uns in westliche Richtung. Wir hatten zwar den Westen angepeilt, doch unser Weg führte oft über extreme Strecken, die kaum zu bewältigen waren. Meine dreijährige Schwester Edda wurde meist im Handwagen transportiert, da ihr Laufpensum bald erschöpft war. Auf der ungewollten Reise entwickelte ich ein natürliches Organisationsgespür, was mich durch mein weiteres Leben immer begleitet hat. Ich organisierte Brot, und da ich oft Wegbegleiter unseres Oberlehrers war, erbettelte ich für ihn auch Tabak und Zigarettenkippen. Trotzdem war der Hunger groß und quälte. Einmal erbeutete ich ein Stück Brot. Ich wollte es selbst essen, aber mein Vater nahm es mir weg und gab es meiner kleinen Schwester. Dieser Augenblick hat mich tief bewegt! Unsere Nächte verbrachten wir oft im Wald, denn für so viele Menschen konnten wir kein Haus finden, und Kirchen standen für uns auch nicht immer zur Verfügung. Der Wald bot uns Schutz und der weiche Boden war bei trockenem Wetter als Nachtlager einigermaßen erträglich.

Aber manchmal regnete es so stark, dass wir am nächsten Morgen in nassen Kleidern und natürlich ohne Frühstück unseren mühsamen Marsch fortsetzen mussten. Unseren Hunger stillten wir oft von „selbst geernteten“ Kartoffeln, die wir im Freien in einem offenen Feuer zum Garen brachten. Sie schmeckten vorzüglich! Wer nicht „ernten“ wollte, musste Schmiere stehen. So erging es auch unserem Pfarrer. Denn ein Geistlicher durfte ja nicht stehlen, aber bei Schmiere stehen, hatte der Herrgott doch nichts einzuwenden.

Unser Flüchtlingstreck bewegte sich langsam auf Plauen zu. Wir hatten schon zirka 200km auf dem Buckel. Vor allem unser Schuhwerk war wegen Regen und Dreck ziemlich am Ende. Gegen Abend schmerzte dann jeder Schritt. Aber die bayerische Grenze war nicht mehr weit. Bald überquerten wir die Grenze nach Bayern und unser Fußmarsch endete letztendlich in Hof. Nach wenigen Tagen Aufenthalt „reisten“ wir mit dem Zug- allerdings auf einem  mit Kohle beladenen Waggon, nach Nürnberg weiter. Mein Vater war in seiner Studentenzeit anlässlich eines Stiftungsfestes in Augsburg gewesen. Er hatte die Stadt noch gut in Erinnerung. Deshalb steuerte er Augsburg an. Einige Familien aus unserem Treck schlossen sich uns an.

Mitte Juli 1945 erreichten wir Augsburg. Übrigens wieder auf einem Kohle-Güterwagen. Meine Mutter hatte sich beim Besteigen des Zuges verletzt. Da in die Wunde vermutlich Kohlenstaub eindrang, zog sie sich eine Ruhrinfektion zu. Ihr Zustand war lebensbedrohlich. Nach einigen Wochen Bangen war sie überm Berg.

Betrachtungen – nachher

Als Flüchtlinge waren wir in unserer neuen Wahlheimat nicht gerade willkommene deutsche Bürger. Augsburg war 1945 sehr stark zerstört. Die einheimische Bevölkerung wohnte zusammen gepfercht in den noch übrig gebliebenen Häusern. Hinzu kam noch der Strom von Flüchtlingen. Das waren harte Zeiten für alle! Wir hatten alle Lebensmittelmarken zugeteilt bekommen. Aber das war zum Überleben zu wenig. Man organisierte, tauschte Wertgegenstände in Lebensmittel ein, bettelte und stahl auch gelegentlich. Auch ich habe das getan.

Dies ging bis 1948 so.

Dann kam die Währungsreform, die Deutsche Mark löste die Reichsmark ab und über Nacht waren alle Läden wieder gefüllt. Damit nahm das karge Leben ein Ende!

Inzwischen sind 53 Jahre vergangen. Wir hatten und haben das Glück mit unseren Kindern und Enkelkindern im friedlichen Deutschland zu leben. Die Welt ist nicht besser geworden. Kriege gibt es mehr denn je und Not und Elend geht einher. Die „ethnische Säuberung“ hat in vielen östlichen Ländern Europas durchgegriffen und ein Heer von Flüchtlingen ist die Folge. Man muss sich dabei immer die Frage stellen: warum machen die Menschen das und was gewinnen sie dabei!!!

Karl Strunz Friedberg, im Herbst 1998